AKK über Homo-Ehe und Kopftuch – wo bleibt die Toleranz?

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Am 30. Januar 2019 war CDU-Chefin und vielleicht bald Kanzlerin Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) zu Gast bei Sandra Maischberger. Unter dem Titel „Katholisch, konservativ – Kanzlerin?“ hatte die designierte Nachfolgerin von Angela Merkel die Chance, ihre politische Position einem Millionenpublikum vorzustellen. Einer dieser Zuschauer war ich. Und ich bin immer noch enttäuscht über das, was ich dort gehört habe. Es geht um die gleichgeschlechtliche Ehe, um das Kopftuch und um die Frage nach der Toleranz. Ein Brief an Frau Kramp-Karrenbauer, den Sie vermutlich niemals lesen wird.

Liebe Frau Kramp-Karrenbauer,

lassen Sie mich vorab zwei Dinge klarstellen: Erstens, ich bin weder politischer Freund oder Feind Ihrer Partei. Ich halte ohnehin nicht vieles von blinder Parteientreue, die alles gutheißt, was aus den eigenen Reihen kommt und alles schlecht redet, was anderswo vertreten wird. Mir geht es immer um die Idee an sich. Und wenn eine solche Idee gut ist, dann ist es mir egal, ob sie schwarz, rot, gelb oder grün gefärbt ist.

Zweitens, ich bin auch nicht perfekt und erwische mich immer wieder dabei, wie intolerant ich in bestimmten Situationen reagiere. Ich kann es zum Beispiel nicht ausstehen, wenn Menschen in der Bahn deftige Speisen essen oder ihre Schuhe ausziehen. Ich steigere mich manchmal so dermaßen in die Situation, dass ich über die gesamte Fahrtzeit nur noch einen beißenden Gestank in der Nase verspüre (der vermutlich gar nicht existent ist). An Supermarktkassen werde ich wahnsinnig, wenn der Kunde vor mir seine Geldbörse erst dann aus der Hosentasche zieht, wenn bereits alle Produkte gescannt wurden. Und sich dann dafür entscheidet, doch mit der EC-Karte zu zahlen (natürlich mit Unterschrift), nachdem er gemerkt hat, dass er nicht genügend Kleingeld dabei hat. Und bei der unsäglichen Diskussion, wer jetzt nun der beste Fußballspieler der Welt sei, werde ich teils ausfällig, wenn mein Gegenüber Cristiano Ronaldo, und nicht Lionel Messi sagt. Ja, auch ich rege mich über Dinge auf, die mein Leben in keinster Weise negativ beeinflussen. Ob ich 30 Sekunden länger an der Kasse stehen muss, ist schlicht irrelevant. Cristiano Ronaldo hat mir persönlich auch nichts getan.

Ich bin auch manchmal intolerant. Aber es gibt entscheidende Unterschiede zwischen uns. Ich versuche meine Intoleranz kritisch zu hinterfragen. Sie machen Ihre Intoleranz zum politischen Programm. Ich bin ein junger Bürger dieses Landes, der einen Blog hat, den kaum Menschen lesen. Sie sind bald die mächtigste Frau Europas – und das gibt mir kein gutes Gefühl. Lassen Sie uns deshalb über Toleranz sprechen.

Toleranz ist Homo-Ehe und Kopftuch

Im Kern geht es mir um Ihre Aussagen zur Homo-Ehe und zum Kopftuch-Verbot, die Sie ab Minute 15:15 im oben verlinkten Video treffen. Sie sagen, dass das Kopftuch ein „ambivalentes Gefühl“ bei Ihnen auslöse. Und Sie sich immer wieder die Frage stellen, wenn Sie eine Frau mit Kopftuch sehen, ob sie dieses „freiwillig oder gezwungen“ tragen würde. Das zeige schon, „wie ein Kopftuch auch trennt“. Ihre Forderung deshalb: Ein Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst.

Aber auch das Thema Homosexualität scheint Ihnen Nahe zu gehen. Denn nur wenig später konfrontiert Frau Maischberger Sie mit einem Zitat aus Ihrer Vergangenheit (2015):

Wir haben in der Bundesrepublik bisher eine klare Definition der Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau. Wenn wir diese Definition öffnen (…), sind andere Forderungen nicht auszuschließen: etwa eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen.

Das wäre Ihre „sehr persönliche Meinung“ zu dem Thema, sagen Sie. Eine Meinung, die sie nach fast vier Jahren also immer noch vertreten. Sie vergleichen hier Homosexualität mit Inzest und Polygamie, also Straftaten. Seit wann sind der Sudan, Saudi-Arabien, Jemen und Iran unsere politischen Vorbilder (außer beim Kopftuch!)?

Um es kurz zu fassen: Sie wollen Kopftücher im öffentlichen Dienst verbieten, weil ein Stück Stoff auf dem Kopf einer anderen Frau bei Ihnen „ambivalente Gefühle“ auslöst. Und Sie haben gegen die gleichgeschlechtliche Ehe gestimmt, weil Sie der „sehr persönlichen Meinung“ sind, dass der Weg zu legalem Inzest nicht mehr weit wäre. Bei allem Respekt, liebe Frau Kramp-Karrenbauer, Ihre Gefühlswelt und Meinung sind in diesem Fall zweitrangig und dürfen niemals die Grundlage politischer Entscheidungen sein. Kein Kopftuch dieser Welt „trennt“ so sehr, wie Ihre Intoleranz.

Anders und nicht besser oder schlechter

Per Definition ist Toleranz „die Achtung und Duldung gegenüber anderen Auffassungen, Meinungen und Einstellungen“ und „das Maß, in dem etwas von einem Standardwert abweicht.“ – im echten Leben ist Toleranz aber so viel mehr als das, liebe Frau Kramp-Karrenbauer. Toleranz ist anstrengend. Toleranz tut weh.

Werte, Kulturen und Denkweisen sind vielleicht anders, aber nicht weniger wert oder schlechter als Ihr definierter Standard. Vorausgesetzt, sie befinden sich in einem Rahmen, in dem ein friedliches Zusammenleben garantiert wird. In einer globalisierten und zunehmend komplexeren Welt, kann da einiges zusammen kommen.

Ihr – und damit auch unser – Problem: Was Sie dulden und achten entscheiden Ihre „ganz persönlichen“ Gefühle und Meinungen. Ihr Rahmen klingt nach CDU-Parteibuch. Ihr Rahmen ist egoistisch. Der angemessene Rahmen einer zukünftigen Kanzlerin dieses Landes ist aber größer, offener und steht in unserem Grundgesetz: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt“, heißt es dort. Leben und leben lassen. Toleranz ist keine Einbahnstraße und erst Recht kein Cherry-Picking. Sie verpflichtet und bereichert jeden – und genau darin liegt der Schmerz.

Das Ende der Toleranz kommt spät

Was verschlechtert sich in Ihrem Leben, wenn jetzt homosexuelle Partner heiraten? Nichts. Wie wirkt sich ein Tuch auf dem Kopf einer anderen Person negativ auf Ihr Privatleben, Karriere oder Gesundheit aus? Gar nicht. Sie müssen diese Dinge nicht gut finden und können gerne „ambivalente Gefühle“ und „persönliche Meinungen“ dazu haben – aber das müssen Sie aushalten, denn diese vermeintlich bedrückenden Gefühle sind nichts im Vergleich zu dem, was Sie den Menschen antun, die unter Ihren Verboten leiden können.

Ich wage die Behauptung, dass keine lesbische Frau Ihnen jemals einen Heiratsantrag gemacht hat. Und keine Muslima Ihnen jemals ein Kopftuch gewaltsam über Ihre Ohren gezogen hat. Niemand zwingt Sie dazu, von ihrem definierten Standard abzurücken. Sie hingegen machen genau das. Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob eine Frau ihr Kopftuch „freiweillig oder gezwungen“ trägt, fragen Sie sie. Ich weiß nicht wie hoch Ihre Trefferquote an Frauen wäre, die eigentlich kein Kopftuch tragen wollen – 5, 25 oder 50 Prozent? Ich weiß aber wie groß die Trefferquote von Frauen im öffentlichen Dienst wäre, die eigentlich ein Kopftuch tragen wollen und durch ein Verbot nicht mehr dürfen: 100 Prozent.

Ich kritisiere nicht Ihre Gefühle – das steht mir nicht zu. Ich kritisiere Ihren Egoismus und Ihre Intoleranz. Und sobald ich das nicht mehr tun würde, wäre ich keinen Deut besser. Es geht hier um mehr als Wählerstimmen oder Symbolpolitik – offene Haare schützen nicht vor Unterdrückung. Hier geht es um unser Zusammenleben als Gesellschaft, national und global. Vielfalt entsteht nicht durch markante Werbe-Slogans, Wahlversprechen, Quoten oder Verbote. Vielfalt entsteht durch eine Haltung, die Anderssein zulässt, ohne zu urteilen. Durch weniger Ego. Das ist Toleranz. Wir müssen endlich aufhören, unsere Ansichten als etwas Besseres zu sehen und damit „die Anderen“ zu diskreditieren, denn sonst sind andere Forderungen nicht auszuschließen: etwa das Verbot für die Heirat zweier Partner mit unterschiedlichen Kulturen oder ein Rentner-Verbot in Supermärkten, damit ICH mich an der Kasse nicht mehr aufregen muss. Verrückt oder?

 

Ihr

Sinan Krieger

 

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