Warum der Islam mehr Kant und weniger Mohammed braucht

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Für mich ist dieser Text eine Überwindung. Und das nicht, weil ich nicht überzeugt von dem bin, was ich jetzt schreiben werde – im Gegenteil. Vielleicht ist es sogar das Thema, welches mich zu diesem Blog überhaupt gebracht hat. Für mich ist es eine Überwindung, weil ich weiß, dass ich hiermit vielleicht Menschen verletzen könnte, die mir wichtig sind. Doch das ist nicht meine Intention. Wie bereits erwähnt: „Religiösität, Integration und Toleranz, (…) das sind teils sensible Themen. Doch genau deshalb halte ich es (gerade jetzt!) für so wichtig, darüber zu sprechen.“

Glaubt mir, wenn ich diese Zeilen schreibe, dann bin ich mir dessen bewusst. Und nein, ich bin kein ausgewiesener „Islam-Experte“, habe auch kein spezifisches Studium abgeschlossen. Aber ich durfte glücklicherweise mein gesamtes Leben den Islam erleben. Besser gesagt, eine liebevolle und gläubige Familie um mich herum haben. Umso trauriger macht es mich, wenn sich die Diskussion über den Islam hier in Deutschland immer wieder um dieselben (teils wahnwitzigen) Punkte dreht und in Extreme abrutscht.

Das möchte ich in diesem Beitrag vermeiden. Ich glaube, dass wir alle gemeinsam die Chance haben, die unsägliche und vor allem leere „Gehört der Islam zu Deutschland?“-Debatte mit wirklich relevanten Fragestellungen zu füllen. Das hier ist mein Versuch.

Der Koran: Ein Buch voller Widersprüche

In dem ersten Beitrag dieser Reihe möchte ich deshalb den Koran in den Fokus stellen. Schließlich ist er immer wieder Hauptbestandteil der medialen Debatten. Die Fragen bleiben die gleichen: Ist der Koran gefährlich? Ruft er zum Krieg auf? Oder ist er harmlos, wenn man den geschichtlichen Kontext betrachtet?

Ich glaube der Koran ist vor allem eines: widersprüchlich. Er ruft zu Nächstenliebe und Krieg auf. Manchmal ist er still und voller Demut, dann ist er laut und aggressiv. Das macht dieses Buch noch lange nicht gefährlich. Gefährlich können nur die Menschen sein, die die Schrift als absolut und unfehlbar betrachten.

Der Islam leidet unter dieser Sturheit. Gläubige müssen aufhören das Buch zu glorifizieren und den Mut haben, zu reflektieren. Denn wer sich stur nach einem Buch richtet, das vor 1400 Jahren geschrieben wurde, verhält sich auch so – wie ein Zurückgebliebener.

Es ist paradox: Der Koran beschreibt in großen Teilen die Geschichte eines Mannes, der versucht hat eine Glaubensgemeinde zu gründen. Dafür musste er Versprechungen machen. Mal musste er hart sein. Mal musste er schmeicheln. Der Prophet war über 20 Jahre lang ein Wahlkämpfer, lebte in Zeiten des Krieges. Kurzum: Er hat viel erlebt und oftmals seine Ansichten geändert. Einige Muslime, über tausend Jahre später, können das aber leider nicht.

Fortschritt darf kein Verbrechen sein

Natürlich wimmelt es im Koran nur so voller Widersprüche. In 20 Jahren werde ich vermutlich auch über viele Dinge anders denken, vielleicht auch hierüber. Doch noch immer ist das ein Tabu-Thema. Es heißt, der Koran dürfe nicht angezweifelt werden. Der Koran stehe für sich und soll die Grundlage für eine Gesellschaft sein, die über 1400 Jahre später lebt? Wie soll das funktionieren, wenn das Buch an sich schon keine klare Linie vertritt? Es ist ein Widerspruch in sich selbst.

Der Islam verschließt sich so vor jeglicher Reformation, die er aber dringend braucht. Mut ist gefragt und weniger Angst. Wenn schon nicht der Koran als solcher reformiert werden darf oder soll, dann wenigstens das Denken der Menschen. Der Islam braucht mehr Kant, mehr Reflexion und weniger blinden Gehorsam.

Aufklärung im Islam: Sei mutig, skeptisch und reflektiert

„Die Aufklärung ist der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“, sagte Kant. Wie gern würde ich diesen Satz in den Moscheen dieser Welt verbreiten. Es geht darum, nicht alles blind hinzunehmen. Zu hinterfragen, zu kritisieren. Das sind die Grundlagen unserer Demokratie. Und ja, das ist oftmals auch anstrengend. Aber sollen wir deshalb unsere Freiheit aufgeben? Wir müssen uns nur umsehen. Totalitäre Regierungen, die jegliche Kritik zum Teil gewaltvoll unterbinden, gibt es heute noch. Sind das die Länder, nach denen wir streben? Nein, es sind die Länder aus denen Menschen flüchten.

Niemand sollte vor dem Islam flüchten müssen. Aber dafür müssen wir uns von den Ängsten frei machen, zu hinterfragen. Willst du die Geisel engstirniger Gelehrter sein, die dir vorschreiben, was und wie du zu glauben hast? Menschen, die kritisches Denken unterdrücken, haben das schon immer aus Angst vor einem Machtverlust getan. Die Islamgelehrten sind keine Ausnahme. Kein religiöses Oberhaupt konnte in der Vergangenheit kritische Stimmen gebrauchen, ebenso wenig wie Diktatoren der Vergangenheit und Gegenwart. Doch nur durch Querdenker, durch eben genau diese Prozesse des Dialogs, stehen wir heute, wo wir sind. Es waren nie die Personen, die die Weisheit für sich alleine beanspruchten, die unsere Gesellschaft nach vorne gebracht haben – im Gegenteil.

Auslegungssache: Im Koran ist für jeden was dabei

So lange wir uns aber immer wieder und vor allem wortwörtlich auf eine Schrift beziehen, die über tausend Jahre alt ist und zum größten Teil mündlich überliefert wurde (Achtung: Stille Post!), wird der Islam immer eine Art Supermarkt bleiben, in dem jeder seine Zutaten findet – gesunde und ungesunde Lebensmittel gleichermaßen. Die einen sagen: „Terror und Unterdrückung hat nichts mit dem Islam zu tun“, die anderen behaupten jedoch das Gegenteil. Die traurige Wahrheit ist, dass beide recht haben. Für jedes Thema gibt uns der Koran völlig verschiedene Ansichten. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, einige herauszusuchen:

Umgang mit Andersgläubigen

Und wenn dein Herr gewollt hätte, so würden alle auf der Erde insgesamt gläubig werden. Willst du etwa die Leute zwingen, gläubig zu werden? (Sure 10:99)

Gebrauche Nachsicht, gebiete das Rechte und meide die Unwissenden. (Sure 7:199)

Sind aber die heiligen Monate verflossen, so erschlaget die Götzendiener, wo ihr sie findet, und packet sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf… (Sure 9:5)

Glaubenszwang

Es sei kein Zwang im Glauben. Klar ist nunmehr unterschieden das Rechte vom Irrtum; und wer den Feind des Propheten verleugnet und an Allah glaubt, der hält sich an der stärksten Handhabe, in der kein Spalt ist; und Allah ist hörend und wissend. (Sure 2:256)

Er ist’s, der seinen Gesandten mit der Leitung und der Religion der Wahrheit entsandt hat, um sie über jede andere Religion siegreich zu machen, auch wenn es den Ungläubigen zuwider ist. (Sure 61:9)

Frieden und Krieg

Und wer führt schönere Rede, als wer zu Allah einlädt und das Rechte tut und spricht: „Ich bin einer der Muslime“? Und nicht ist gleich das Gute und das Böse. Wehre (das Böse) ab mit dem Bessern, und siehe, der, zwischen dem und dir Feindschaft war, wird sein gleich einem warmen Freund. (Sure 41:33-34)

Als dein Herr den Engeln offenbarte: „Ich bin mit euch, festigt drum die Gläubigen. Wahrlich, in den Herzen der Ungläubigen werfe ich Schrecken. So haut ein auf ihre Hälse und haut ihnen jeden Finger ab. (Sure 8:12)

Die Rolle der Frau

Allahs ist das Reich der Himmel und der Erde; er schafft, was er will, er gibt, wem er will, Mädchen, und gibt, wem er will, Knaben…. (Sure 42:48-50)

Die Männer sind den Frauen überlegen wegen dessen, was Allah den einen vor den andern gegeben hat, und weil sie von ihrem Vermögen auslegen. (Sure 4:34)

Die Ehe

Und zu seinen Zeichen gehört es, dass er euch von euch selber Gattinnen erschuf, auf dass ihr ihnen beiwohnet, und er hat zwischen euch Liebe und Barmherzigkeit gesetzt. Siehe, hierin sind wahrlich Zeichen für nachdenkende Leute. (Sure 30:21)

So nehmt euch zu Frauen diejenigen, die euch gut dünken, zwei oder drei oder vier; doch so ihr fürchtet, nicht gerecht zu sein, heiratet nur eine oder was ihr (an Sklavinnen) besitzt. Solches schützt euch eher vor Ungerechtigkeit (Sure 4:3)

Und ja, es gibt verschiedene Übersetzungen und Interpretationen des Korans. Nur wollen sich die wenigsten damit auseinandersetzen. Solange das so ist, wird es für unser Zusammenleben weiter bedeutungslos bleiben, was die Islam-Wissenschaftler zu bestimmten Suren sagen.

Die Reformation im Islam beginnt bei dir

Jeder findet was, um seine Theorie vom „richtigen“ Islam zu untermauern. Meine liebevolle Oma, der spätpubertierende Deutsch-Türke in der Identitätskrise, Islamkritiker bei Maischberger, Menschenrechtler und IS-Terroristen, die gerade einem Zivilisten den Kopf abschneiden. Entscheidend ist doch, für welchen Islam du dich entscheidest. Um bei der Supermarkt-Metapher zu bleiben: Du bist derjenige, der bestimmt, welche Lebensmittel im Einkaufswagen landen, aber dafür brauchst du Mut und Muße. Erst, wer sich von der Illusion trennt, dass ein Buch aus dem siebten Jahrhundert unser jetziges Verhalten bestimmen kann, gibt seinem Glauben einen verdienten Platz in der Gegenwart.

Eine Sure, die im offensichtlichen Gegensatz zur grundlegenden Ethik der Menschheit steht, ist falsch. Es darf kein „entweder oder“ geben – der Koran gibt genügend Beispiele in denen sich Menschlichkeit und Religion vereinen und genau diese Stellen sollten es in unseren Einkaufskorb schaffen und den „modernen Islam“ definieren, den so viele fordern. Weniger religiöse Dogmen, mehr Menschlichkeit. Du kannst fünf Mal am Tag beten und trotzdem ein Idiot sein. Es gibt keinen guten Muslim, der ein schlechter Mensch ist.

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