Franck Ribéry und das goldene Steak – ist Dekadenz verwerflich?

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Die Fußball Bundesliga hält Winterpause. Wie jedes Jahr. Im Normalfall verlaufen diese Wochen eher ruhig – für Fans und Journalisten gleichermaßen. Wäre da nicht Franck Ribéry, der Fußball-Deutschland jüngst mit einem kräftigen F**** eure Mutter, eure Großmütter, euren ganzen Stammbaum“, aus dem Winterschlaf riss. Was war passiert?

24 Karat Gold, ein Steak für 1200 Euro und ein geteiltes Video sind passiert, was dem Fußballstar prompt jede Menge Kritik einbrachte. Keine Frage, Ribérys verbale Entgleisung auf das (Medien-)Echo ist peinlich – gerade für einen 36-jährigen Mann mit Frau und Kindern. Ein Mann „der seine Familie verteidigt“, wie FC Bayern-Sportvorstand Hasan Salihamidžić sagt, muss andere Wege finden.

Und auch lässt sich über die verhängte Geldstrafe seines Arbeitgebers dem FC Bayern München streiten. Denn geht es nicht genau darum? Wenn Ribéry eins gezeigt hat, dann dass er kein Problem damit hat, hohe Geldsummen zu bezahlen. Zwar ist über die Höhe der Summe nichts konkretes bekannt, aber die zynische Frage bleibt: Wie viele Teamkollegen könnte er für die Geldstrafe zum goldenen Steak essen einladen?

Das goldene Steak: Die Reaktionen

Aus einem goldenen Steak ist ein handfester Skandal geworden, denn Ribéry hat mit seinen wüsten Beschimpfungen nicht nur die Sportjournalisten geweckt, sondern gleich mehrere gesellschaftliche Debatten wieder losgetreten. Und genau diese sind doch weitaus spannender als verhängte Geldstrafen, beschämende Hasstiraden oder die Frage, ob Uli Hoeneß und Karl-Heinz-Rummenigge ihren Spieler entlassen sollten, wie es einige fordern.

Die Frage, die ich mir beim Schauen des Instagram-Videos und den Kommentaren stelle, ist, ob Dekadenz verwerflich ist? Viele Menschen scheinen diese Frage scheinbar mit „Ja“ zu beantworten. Ein Großteil der Kommentare unter dem Video geht genau in diese Richtung. Die französische Journalistin Audrey Pulvar war eine der ersten:

„Herr Ribéry, wenn Sie nicht wissen, was Sie mit Ihrem Geld machen sollen – es gibt viele Dinge auf der Welt, die sie finanziell unterstützen könnten“, schrieb Sie auf Twitter. Sie ist nicht die einzige, die so argumentiert:

Schweigen ist (häufig) Gold – für beide Seiten

Was alle dieser gezeigten Kommentare gemeinsam haben: a) Sie zählen nicht zu den niveaulosesten Beiträgen unter dem Video b) sie sind in ihrer Kernaussage zwar richtig und c) sie sind dennoch völlig deplatziert.

Ja es stimmt: Die Armut in Afrika ist noch lange nicht besiegt. Ja, für 1200 Euro müssen ganze Familien mehrere Monate auskommen. Und ja, in Frankreich kämpfen gerade viele Bürger um ein paar Euro mehr am Ende jeden Monats. Aber das mit einem Restaurantbesuch eines Fußballers in Verbindung zu bringen ist billig – billiger als jedes Hüftsteak vom Jungbullen aus dem Kühlregal beim örtlichen Discounter.

Ich möchte das Wort „Neid-Debatte“ gar nicht in den Mund nehmen. Denn egal ob Neid oder nicht, ein vergoldetes Steak ist natürlich dekadent und unnötig. Mehr aber auch nicht. Wieso sich viele Menschen aber derart provoziert fühlen und sich wünschen, dass Franck Ribèry wegen eben jenem Video stirbt oder beruflich abstürzt, ist ein viel größeres Problem.

Selbst Thomas Kistner, den ich für seine Arbeit sehr schätze, schreibt in seiner Kolumne auf süddeutsche.de: „Bald wird Ribéry 36 Jahre, in seiner Heimat Frankreich brennt gerade eine Sozialdebatte, die seine Landsleute auf die Straßen treibt. Sie sind es, mit denen sich der sinnenfrohe Profi anlegt.“ Ein Steak als politische Botschaft? Das ist absurd.

Dabei erkennt er es ganz richtig: „Ribéry mag essen, was er will. Zum Thema wird das, wenn die Zurschaustellung eines bacchantischen Gelages diejenigen provoziert, die es aus oft schwach gefütterten Portemonnaies alimentieren.“ Das Problem ist nicht das goldene Steak, sondern das, was die Menschen darin sehen wollen.

Dekadenz ist kein Verbrechen

Ribery hat sein Geld auf ehrliche Weise verdient. Er ist als Fußballer ganz bestimmt überbezahlt, aber das kann man ihm nicht vorwerfen. Und er zahlt eben 1200 Euro für ein Steak. Das ist vielleicht unbedacht, gerade wenn man es in Internet zur Schau stellt. Aber hat er dadurch andere Menschen verletzt? Nein. Hat er das Geld von einem der Menschen, die sich so sehr darüber aufregen, gestohlen? Nein. Und genau deshalb steht auch niemandem von uns zu, darüber zu urteilen, wofür andere Menschen ihr Geld lieber ausgeben sollten. Schon gar nicht samt haltlosen Vorwürfen. Auch wenn die alte „In Afrika sterben Kinder“-Nummer emotional immer funktionieren wird.

Dekadenz ist eben kein Verbrechen und nicht verwerflich, solange es niemandem schadet. Natürlich ist es erfreulich, wenn Menschen, die viel haben, einen Teil spenden. Und das wird auch von vielen gemacht. Zwingen können wir aber niemandem. Und wer sagt überhaupt, dass Dekadenz und Wohltätigkeit sich ausschließen müssen? Unabhängig von Ribèry gibt es Menschen auf der Welt, die im Lamborghini sitzen, Gold-Steaks essen und trotzdem viel für Bedürftige machen.

Wer setzt überhaupt die Grenze, wann Dekadenz beginnt? Ist es nicht auch schon dekadent, wenn wir uns jedes Jahr das neue iPhone leisten? Wenn wir zu den Feiertagen so viel essen, dass wir hinterher Bauchschmerzen bekommen? Und ist es wirklich angebracht sich darüber aufzuregen, wenn der Rand an der Pizza zu breit ist? Dekadent ist meist das, was ich mir selber nicht leisten kann. Sie liegt im Auge des Betrachters. Keiner von uns kann sich also von Dekadenz freisprechen. Sollte auch keiner müssen. Weder Franck Ribèry wegen eines Steaks oder einer sündhaftteuren Uhr am Handgelenk (die er im Video trägt und komischerweise niemanden stört), noch Sawsan Chebli wegen einer Rolex oder die kritische Audrey Pulvar selber, weil Sie sich eine Brille für 3000 Euro leistet.




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